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„Ich sehe dich.“

In Avatar tauchen diese drei Worte immer wieder auf: „Ich sehe dich.“


"Ich sehe dich" ist mehr als nur Romantisierung
"Ich sehe dich" ist mehr als nur Romantisierung

Für viele bleiben sie eine schöne Filmzeile. Doch Filme dienen nicht nur unserer Unterhaltung – manchmal sind sie Spiegel. Sie zeigen uns, welche Themen uns als Gesellschaft bewegen und wo wir uns selbst verloren haben.


Wir beginnen andere wirklich zu sehen, wenn wir anfangen, uns selbst zu sehen.


Doch was bedeutet es eigentlich, wahrhaftig zu sehen?







Sehen jenseits von Bewertung


Wir leben in einer Zeit, in der jeder Mensch in seiner eigenen Welt unterwegs ist. In seiner Bubble. Mit seinem Alltag, seinen Herausforderungen, seiner Wahrheit.

Jeder trägt etwas. Ausnahmslos. Und doch fällt es uns immer schwerer, das zu erkennen. Stattdessen bewerten wir, vergleichen, urteilen. Wir schieben Menschen in Schubladen, ärgern uns über andere Meinungen, andere Lebensweisen, andere Wahrheiten. Wenn wir beginnen, diese Brille der Bewertung – die Brille des Egos – abzunehmen, passiert etwas Wesentliches: Wir sehen den Menschen.


Und mehr noch: Wir beginnen, uns selbst in diesem Menschen zu erkennen.


Denn alles, was wir im Außen verurteilen, ist oft das, was wir in uns selbst nicht annehmen. Alles, was uns triggert, berührt etwas Eigenes. Und alles, was wir im Anderen nicht sehen können, ist häufig das, was wir in uns selbst nicht zu sehen wagen.


Wir spiegeln uns – durchweg.

Was dich trifft, betrifft dich.


Yoga & das dritte Auge


Im Yoga sprechen wir vom dritten Auge – dem Zentrum der inneren Wahrnehmung.

Es steht nicht für Sehen im äußeren Sinne, sondern für Erkennen. Für Klarheit. Für Bewusstsein. Für die Fähigkeit, hinter die Oberfläche zu blicken.


Yoga lädt uns immer wieder dazu ein, die Augen zu schließen. Nicht um uns abzuwenden, sondern um tiefer zu sehen.Weg von äußeren Reizen – hin zu innerer Präsenz.


Vielleicht liegt genau hier eine Parallele zu dem, was Avatar uns zeigt: Wirkliches Sehen geschieht nicht mit den Augen allein. Es entsteht dort, wo wir still werden. Wo wir urteilsfrei wahrnehmen.Wo wir bereit sind, uns selbst zu begegnen.


Ein geöffnetes drittes Auge bedeutet nicht, mehr zu wissen. Sondern weniger zu projizieren. Weniger zu bewerten. Und mehr zu fühlen.


Wenn wir uns selbst auf dieser Ebene wahrnehmen, verändert sich auch unser Blick auf andere. Wir sehen nicht mehr nur Verhalten, Rollen oder Schutzmechanismen –sondern das, was darunter liegt.


Vielleicht ist Yoga genau deshalb ein so kraftvoller Gegenpol zur Reizüberflutung: Es bringt uns zurück in den Körper. In die Langsamkeit. In die Fähigkeit, wirklich zu sehen.



„Ich sehe dich“ ist kein romantischer Satz


In Avatar ist „Ich sehe dich“ keine romantische Floskel. Es bedeutet:

Ich nehme dich wahr – jenseits von Rolle, Funktion und Nutzen.

In einer ego-gesteuerten Wahrnehmung sehen wir vor allem das Äußere: Wer jemand ist. Was jemand leistet. Wie jemand aussieht. Und genau aus dieser Perspektive heraus betrachten wir auch andere. Was dabei oft verloren geht, ist das große Ganze. Die Wahrheit, dass wir miteinander verbunden sind. Dass keiner mehr oder weniger wert ist, weil er dieses oder jenes hat – oder nicht hat. Unser Nervensystem sehnt sich nach genau diesem Gesehen-Werden: ohne Bewertung, ohne Urteil.




Was unser Nervensystem wirklich braucht


Schon im Kindesalter zeigt sich, wie früh wir verlernen zu sehen. Wir sehen Fehlverhalten, Wut, Überforderung. Doch was das Nervensystem eines Kindes – und auch unseres – eigentlich braucht, ist etwas anderes: Präsenz. Dasein. Gesehen und gehalten werden – unterhalb der Oberfläche.


Es ist einfacher zu bewerten, als hinzuschauen. Einfacher, ein Etikett zu vergeben, als in Beziehung zu gehen. Doch was wir wirklich brauchen, ist Verbindung – nicht Urteil. Auch mein Kind spiegelt mir das immer wieder. Wenn ich meine Tochter in herausfordernden Momenten verurteile und bewerte, merke ich immer wieder, dass ich das eigentlich mit mir selbst mache in diesem Moment. Weil auch ich früher in meinen Emotionen nicht gehalten und gesehen wurde, musste ich erstmal lernen, dies gemeinsam mit meinem Kind zu tun. Und da beginnt auch die Heilung unseres eigenen inneren Kindes - doch das ist ein anderes Thema.



Verbunden, aber nicht in Beziehung


Heute sind wir über soziale Medien permanent verbunden. Und gleichzeitig kaum noch in echter Beziehung.


Unser Nervensystem ist nicht für Dauerreize gemacht. Nicht für ständige Informationsflut. Nicht für das permanente Gesehen-Werden, ohne wirklich gesehen zu sein. Stundenlanges Scrollen, Vergleichen, Konsumieren erzeugt emotionalen Lärm. Wir verlieren den Kontakt zu dem, was wahrhaftig ist. Wir vergleichen uns mit Bildern von Leben, die wir nicht wirklich kennen – und verlieren dabei den Blick für uns selbst. Ein reguliertes Nervensystem entsteht nicht durch noch mehr Wissen. Nicht durch noch mehr Input.


Sondern durch:

  • Sicherheit

  • Langsamkeit

  • echte Verbindung


Und durch das Gesehen-Werden. Auch – und vor allem – von dir selbst.



Vielleicht beginnt Heilung anders


Nach Avatar habe ich mich gefragt: Was wäre das für eine Welt, wenn wir wieder anfangen würden, uns wirklich zu sehen? Wenn wir präsent wären. Wenn wir wieder in Beziehung gingen – mit uns selbst und miteinander. Wenn wir Sicherheit nicht fordern, sondern verkörpern würden. Vielleicht beginnt Heilung nicht mit Verstehen. Sondern damit, dass wir lernen, neu zu sehen.


 
 
 

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